Harry Brown

Old Knight

DVD-Besprechung zuerst erschienen bei schnitt.de

Lang ersehnt, in deutschen Kinos vermisst, endlich auf DVD: Michael Caine als rachsüchtiger Rentner Harry Brown, den allein Altersschwäche und Lungenentzündung hindern, so konsequent zu sein, wie er will.

Für die Filmzeitschrift Empire schrieb M. Dinning: »it’s the UK’s answer to Gran Torino«. Dankbar greift der deutsche Verleih diesen Vergleich auf und versucht uns damit in die Irre zu führen. Schon die reißerische deutsche Unterzeile »Ein Mann räumt auf« läuft dieser Einschätzung zuwider und entspricht damit eher dem, was Harry Brown wirklich sein will. Tatsächlich haben die beiden Filme eins gemeinsam: den alten Mann, dem nichts bleibt, außer sich selbst und sein Wille, den Frieden zu finden. Für beide ist das nicht einfach, wenn Jugendbanden und Kleinkriminelle die Straße usurpieren. Der grandios-grimmige Eastwood schimpft: »Was ist nur heute los mit diesen Kids?« Der wie immer liebenswürdig-tapsige Caine verkennt die Situation erst völlig: »Es sind nur Kinder.« Und doch wird der erste kühlen Kopf bewahren, und damit untergehen. Der zweite sieht Rot; und wird bestehen. Mit ihm werden, neben den Jungen, auch die Alten zum Problem. Butler Alfred im Cape des schwarzen Rächers, der bekanntermaßen selbst zu beschäftigt ist, im amerikanischen Gotham City, um sich auch um London noch zu kümmern. »Every man has a breaking point.«, so die britische Unterzeile.

Im Jahr 2000 entgegnete Michael Caine Sylvester Stallone im Remake von Get Carter: »Blutrache ist nicht befriedigend.« … und schüttelte damit ›seinen Rächer‹ aus dem 1971-er Original bereits erfolgreich ab. Jenes erhebende Gefühl von Altersweisheit, das auch Gran Torino insgesamt auszeichnet, geht Harry Brown allerdings völlig ab. Brown ist so kaum die viel angepriesene Paraderolle für Caine. Das ist schade. Gerade wegen Caines wie immer brillanter Darstellung. Auch Emily Mortimer und Ben Drew überzeugen. Währenddessen bleibt der Rest der Figuren blass oder gerät lächerlich, weil entweder durch und durch stereotyp geschrieben oder bis ins Groteske extrapoliert.

Ein anderer Aspekt könnte Anerkennung verdienen: Städtische Randgebiete als ›soziale Brennpunkte‹ und angemessenes Altern in ihnen sind zukunftsorientierte Themen. Hier allerdings geraten sie bloß zur dystopischen Kulisse, vor der Daniel Barber unnötig explizite Schauwerte generiert, die auch durch ihren Kontext keine Legitimation erringen können. Technisch mag es sich als neuartig und inhaltlich als aktuell gebärden, wenn wir Misshandlung und Mord durch Jugendliche per Handykamera beobachten dürfen. Tatsächlich aber bedient Barber so lediglich die Schaulust derer, die er zur Schau stellen will.

Für einen Moment hingegen glaubt man einen Hauch von Selbstreflexion zu spüren, wenn Caine als Harry sagt: »Für die da draußen ist es nur Unterhaltung.« Harry meint die in den Straßen ›tobenden‹ Kinder. Meint Regisseur Barber gar den Zuschauer, und will ihn zu mehr Nachdenken aufrütteln? Atmosphärisch dicht wird Harry Brown durch seinen omnipräsenten Score. Während Gran Torino auf diesen Stimmungsgaranten höchst erfolgreich verzichtet, bezieht »Harry Brown« auffällig in jeder Szene seine Kraft aus ihm.

Harry Brown ist kein Insel-Gran-Torino. Aber er ist mit seinem Mut und seiner Rohheit tatsächlich ein erwartungsgemäß britischer Film. Wenn das also die britische Antwort sein soll, wie lautet eigentlich die amerikanische Frage? Clint Eastwood opfert sich, typisch amerikanisch, für eine größere Sache, nämlich für nicht weniger als die Zukunft seines ganzen Landes, namentlich die Jugend. Harry Brown hingegen opfert die Jugendlichen seines Viertels für seine eigenen, ganz persönlichen, niederen Rachegelüste. »Harry Brown« ist also eine weitere Antwort auf die Frage, inwiefern nationale Kultur den Begriff der Würde des Alters mitbestimmt. Diese Frage wird noch des öfteren zu diskutieren sein und jede Meinung ist hier willkommen.


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